Galtonbrett
Das Galtonbrett, benannt nach dem britischen Naturforscher und Schriftsteller Sir Francis Galton
(1822-1911), dient der Veranschaulichung
der Binomialverteilung. Auf einem
Brett sind dabei Hindernisse (z.B. Nägel) befestigt, die als gleichmäßige Dreiecke angeordnet
werden. Am unteren Ende des Brettes befinden sich mehrere Fächer, welche die Kugeln
auffangen. Lässt man nun eine Kugel senkrecht von oben durch den "Hindernisparcour"
fallen, so entscheidet sich an jedem Hindernis zufällig, ob die Kugel nach rechts oder nach
links weiter nach unten fällt. Ist das Galtonbrett perfekt symmetrisch konstruiert, so ist die
Wahrscheinlichkeit p an einem Hindernis nach links abzuprallen ebenso groß wie die
Wahrscheinlichkeit q nach rechts abzuprallen, also
. Durch leichtes
Schiefstellen des Brettes oder unsymmetrisches Anbringen der Hindernisse kann natürlich jeweils
eine Seite bevorzugt werden, so dass sich die Wahrscheinlichkeiten unterscheiden. Es gilt jedoch
immer
und damit bestimmt bereits p die Wahrscheinlichkeit des Gegenereignisses
q.
Jedes Aufprallen der Kugel an einem Hindernis ist ein sogenannter Bernoulli-Versuch
(benannt nach Jakob Bernoulli, 1655-1705). Dieser ist ein Zufallsexperiment mit zwei möglichen
Ausgängen (X=0 und X=1); in unserem Fall das Ereignis "Kugel fällt nach links" (z.B. X=1) und
das dazu komplementäre Ereignis "Kugel fällt nach rechts" (dementsprechend X=0). Im
symmetrischen Fall sind die Wahrscheinlichkeiten
und
(siehe Abbildung 1).
Trifft nun in der zweiten Ebene des Galtonbretts die Kugel erneut auf ein Hindernis, so wird
abermals ein Bernoulli-Versuch durchgeführt, bei dem der Zufall ebenso mit der jeweiligen
Wahrscheinlichkeit von
entscheidet, ob die
Kugel nach links oder rechts fällt. Je nach dem, wie viele Ebenen k solch ein Galtonbrett
aufweist, erfolgt bei einem Wurf einer Kugel ein k-stufiges Bernoulli Experiment. Die
Zufallsentscheidung in der k-ten Stufe für eine der beiden Richtungen passiert dabei
völlig unabhängig davon, welches Ereignis in der (k-1)-ten Stufe eingetreten ist oder in
den Stufen davor. Dieser Umstand wird
als Stochastische
Unabhängigkeit bezeichnet. Stochastisch unabhängige Ereignisse definieren sich durch die
Eigenschaft, dass sich die Wahrscheinlichkeit für das gemeinsame Eintreten mehrerer Ereignisse
durch das Produkt der Einzelwahrscheinlichkeiten ergibt. Dies heißt beispielsweise für die
Wahrscheinlichkeit, dass sowohl in der ersten als auch in der zweiten Stufe die Kugel nach links
fällt, also (
) und (
) eintreten:
Betrachtet man das zweistufige Galtonbrett in der Abbildung 2, so gibt es zwei Wege, die in das
mittlere Fach führen,
und
oder
und
Hierbei addieren sich beide
Wahrscheinlichkeiten und die Kugel landet in etwa der Hälfte der Fälle in der Mitte. Man
beachte, dass dabei jeder mögliche Weg, den die Kugel nehmen kann gleich wahrscheinlich ist. Nur
führen zu einigen Fächern mehr Wege als in andere. Die Wahrscheinlichkeit dort zu landen ist
daher größer. Dementsprechend ergeben die einzelnen Wahrscheinlichkeiten in der Summe immer 1,
denn mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 landet die Kugel in irgendeinem der Fächer.
Dieser Versuch lässt sich für beliebe Stufen fortführen, wobei man leicht feststellt, dass für
ein k-stufiges Galtonbrett immer k+1 Fächer zum Auffangen der Kugeln benötigt
werden. Die einzelnen Wahrscheinlichkeiten, mit denen eine Kugel in einem bestimmten Fach
landet, nennt man zusammenfassend
die Verteilung.
In unserem Fall handelt es sich speziell um die Binomialverteilung. Sie wird durch die k
Stufen und die Wahrscheinlichkeit p bestimmt. In den Fächern des Galtonbretts in
Abbildung 3 ist also eine Binomialverteilung zu den Parametern k=4 und
abgebildet.
Diese Wahrscheinlichkeiten sind jedoch nur theoretische Größen. Führt man das Experiment bei
einem Galtonbrett z.B. mit 100 Kugeln durch, werden wohl die relativen Häufigkeiten (Anteil der
Kugeln in den einzelnen Fächern an der Gesamtzahl) von denen durch die Binomialverteilung
vorhergesagten Anteile abweichen. Erst ein Satz aus der Statistik, genannt das
"Gesetz der großen
Zahlen", stellt sicher, dass die relativen Häufigkeiten eines solchen zufälligen
Experiments sich mit steigender Anzahl von Versuchen "so gut wie immer" den
Wahrscheinlichkeiten der Binomialverteilung annähern. Im mathematischen Sprachgebrauch spricht
man dann von fast sicherer
Konvergenz. Daher meint man mit der Aussage "die Kugel fällt mit einer
Wahrscheinlichkeit von
in das mittlere Fach",
dass die relative Häufigkeit dieses Ereignisses
mit wachsendem n gegen
konvergiert.
Um die Binomialverteilung auch für eine große Anzahl von Stufen k zu ermitteln sind wir
nicht gezwungen die Zeichnung ins Unermessliche fortzusetzen. Schaut man sich nämlich die Zähler
in Abbildung 3 an, so stellt man fest, dass diese Zahlen nicht anders als die Zahlen in
einem Pascal'schen Dreieck
ermittelt werden. Und dieses ist nichts anderes als eine geometrische Darstellung
der Binomialkoeffizienten
(sprich: k über l). Dabei bezeichnet l die Stellen der einzelnen
Fächer, die in Abbildung 3 von 4 bis 0 durchnummeriert wurden. 4 für viermal muss die Kugel nach
links abprallen um im Fach ganz links zu gelangen (also
), 3 für dreimal
nach links und einmal nach rechts, egal in welcher Reihenfolge (also
), u.s.w. Die Nenner aus Abbildung 3 sind die vierte Potenz der Zahl 2 und
resultieren aus dem Wert
.
Die allgemeine Formel für die Bestimmung der k+1 Wahrscheinlichkeiten der
Binomialverteilung für
(Fächer) lautet:
Binomialverteilungen beschreiben ganz allgemein den wahrscheinlichen Ausgang von Folgen gleichartiger und unabhängiger Versuche, die jeweils nur zwei mögliche Ereignisse liefern. So könnte man die Ereignisse "links oder rechts" in "Kopf oder Zahl" umwandeln und unser Versuch wäre nicht ein k-stufiges Galtonbrett, sondern ein k-maliger Wurf mit einer Münze. Auch hier sieht man leicht ein, dass
gilt. In einigen Sprachen wird das Experiment daher wohl
auch Quincunx, als Bezeichnung für
eine römische Münze, genannt. Einen anderen Wert für p erhalten wir, wenn wir z.B
beim k-maligen Würfelwurf die Ereignisse "es fällt eine 6" oder "es fällt keine 6"
betrachten. Dafür beträgt p bekanntermaßen
. Der Phantasie beim
Ausdenken solcher Experimente sind dabei kaum Grenzen gesetzt.