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Sektion Plenum
Freitag, 22.09.2000, 9.00 Uhr, Großer Mathematik-Hörsaal, Trefftz-Bau

Mit Mathematik gegen BSE und Alzheimer?

Christof Schütte, FU Berlin, Institut für Mathematik I

Die Biotechnologie ist neben dem Internet/Multimedia-Bereich zum Lieblings-Forschungsgebiet der Öffentlichkeit avanciert. “Human Genom Project” oder “Bioinformatik” sind Schlagworte, die in keiner zukunftsorientierten wissenschaftspolitischen Debatte fehlen dürfen.

In solchen Debatten kommt die Mathematik nur höchst selten vor: das mathematische Vorgehen verspricht zu selten sofortigen Fortschritt; zur Zeit geht es aber gerade um schnelle technische Anfangserfolge, und die werden mit der heutigen Technologie und ohne komplexe (mathematische) Modelle erzielt. Gleichzeitig aber reift auch bei den entschiedensten Verfechtern dieses Vorgehens die Erkenntnis, dass die Strategie der Gründerzeit langsam aber sicher von einem differenzierteren Bemühen um Modellierung, Simulation und methodischen Verständnis abgelöst werden muss. Die mathematische Herangehensweise – wenn sie sich denn den technischen Herausforderungen stellt – kann entscheidend zu dieser Entwicklung beitragen und auch in der Biotechnologie die Grundlage für zukünftigen Fortschritt schaffen.

Diese generelle Situationsbeschreibung soll am Beispiel der sogenannten “biomolekularen Konformationen” illustriert werden. Der Begriff der “Konformation” bezeichnet die Anordnung der Aminosäuren eines Biomoleküls im dreidimensionalen Raum. Für viele Biomoleküle sind verschiedene Konformationen möglich. Diese Tatsache wird sowohl zur Erklärung einiger Krankheiten wie BSE oder Alzheimer, als auch beim Entwurf neuer Medikamente gegen diese und andere Krankheiten herangezogen.

Der Vortrag wird eine mathematische, am dynamischen Verhalten der Biomoleküle orientierte Definition des Begriffs Konformation vorstellen und diskutieren, worin sich diese mathematische Herangehensweise von den gängigen biochemischen Konzepten unterscheidet, warum sie diesen entscheidend überlegen ist, welche neuen Möglichkeiten sich daraus ergeben und warum diese neuen Möglichkeiten nicht “auf die Schnelle” erreichbar sind.