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Sektion Plenum
Montag, 18.09.2000, 16.30 Uhr, Großer Mathematik-Hörsaal, Trefftz-Bau

„Fraunhofer-Mathematik“ – eine Gratwanderung zwischen Wissenschaft und Kommerz

Helmut Neunzert, Universität Kaiserslautern, Fachbereich Mathematik

Mathematik als Basis eines Fraunhofer-Instituts, dessen Ziel ja wirtschaftlich nutzbare Innovation durch Anwendung wissenschaftlicher Methoden sein muss: Ist das noch „richtige“ Mathematik oder nur ein Beispiel für die Stichhaltigkeit des berühmten Aufsatztitels von Halmos „Applied Mathematics is Bad Mathematics“? Die Antwort hängt natürlich davon ab, was man unter richtiger Mathematik versteht. Versteht man Mathematik auch als wichtigen Bestandteil jener neuen interdisziplinären Methode, der unter dem Namen

MINT (= Mathematik+Informatik+Naturwissenschaft+Technik)
eine Schlüsselfunktion für die Wissenschaft der Zukunft zugeschrieben wird (so z. B. auch von Herbert Markl, dem Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft in „Visionen 2000“), so passt sie nicht nur in die Fraunhofer-Gesellschaft mit ihrer unglaublichen Vielfalt wissenschaftlich-technischer Aktivitäten, sie ist sogar unverzichtbar. Etwas plakativer gesagt: INT ohne M ist kopflos, aber M ohne INT ist energielos. Der Kontakt mit der Praxis bedeutet so viele noch nicht beantwortete Fragen, so viele Forschungsimpulse – ein Fraunhofer-Institut für Mathematik, das ja unter hohem Finanzierungsdruck steht, kann sie selbst nicht alle beantworten, muss die Impulse an die Community weitergeben. Der Vortrag wird einige Beispiele dazu aufzeigen – Beispiele aus den Materialwissenschaften und der Medizin mit Fragen an die nichtlineare Analysis, die Numerik, die Mustererkennung, die auch in der Sektion ausführlich behandelt werden. Hier wie dort soll der Transfer deutlich gemacht werden, der in beide Richtungen verläuft: Fragen der Praxis lösen Grundlagenforschung aus, die ihrerseits wieder in Antworten an die Praxis verwandelt werden. Dies geht nicht direkt: Es bedarf des Mittlers zwischen den Welten, es bedarf eines Fraunhofer-Instituts für Mathematik. Es ist wichtig – für uns, aber vielleicht auch für die Mathematik insgesamt –, dass es weiterhin Erfolg hat. Die Skeptiker waren ja auf beiden Seiten, der Frage nach der „richtigen“ Mathematik stand ja die Frage nach der Brauchbarkeit der Mathematik auf der Fraunhofer-Seite gegenüber. Letztere sind jetzt, nach 5 Jahren Probelauf, überzeugt – erstere zu überzeugen, dient auch diese Tagung. Es wäre fatal, wenn es uns, uns allen, nicht gelänge, der Mathematik den ihr gebührenden Platz zu sichern. „Eigentlich ist die Fraunhofer-Gesellschaft so etwas wie eine lebende Säule, ein Baum, der sich entwickelt hat, der wächst und der vor allen Dingen – und das ist mir der eigentlich wichtigste Punkt – tatsächlich Früchte hervorbringt“, sagte die Ministerin für Bildung und Forschung, Edelgard Bulmahn, anlässlich des 50. Geburtstages der Fraunhofer-Gesellschaft. Es wäre schön, wenn man in Zukunft gleichermaßen von der Mathematik (in dieser Gesellschaft) sprechen würde.