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Sektion Plenum
Montag, 18.09.2000, 18.00 Uhr, Großer Mathematik-Hörsaal, Trefftz-Bau

Abenteuer Mathematik – Veränderungen im Lehren und Lernen

Peter Baptist, Universität Bayreuth

“Sozialer Konsens ist, das für Bildung zu halten, was man nicht fragen darf.” So lautet die Antwort des Hamburger Anglisten Dietrich Schwanitz auf die Frage: “Was ist Bildung?” Zumindest galt derjenige bisher als ungebildet, der beispielsweise nicht wusste, wer Shakespeare oder Mozart ist. Bei Euler und Gauß ist man nachsichtig, denn diese Personen kennen höchstens Spezialisten. Herausragende Mathematiker oder gar Kenntnisse in Mathematik, die über die Grundrechenarten hinausgehen, passen nicht in den Kanon der Allgemeinbildung unserer Gesellschaft. Worin liegt die Ursache für das verbreitete Desinteresse an der Mathematik? Warum fühlen sich so viele Menschen mathematikgeschädigt?

Ein möglicher Grund: Mathematik wird in der Ausbildung allzu häufig als formales Lehrsatzwissen vermittelt. Mathematik als Abenteuer ist für viele nahezu unvorstellbar, da sie von Regeln und Formeln sowie dem Stakkato Definition–Satz–Beweis–Trivialbeispiel eingeschüchtert wurden. Wenn wir eine grundlegende Änderung der Einstellung der Gesellschaft zur Mathematik tatsächlich wollen, müssen wir bei der Schulausbildung ansetzen.

Mathematikunterricht als Abenteuer, nicht nur für Schüler, sondern auch für Lehrer. Kein Belehren mit fertiger Mathematik, die bis in das kleinste Detail ausgearbeitet auf Overhead-Folien und im Kopf des Lehrers vorliegt. Statt dessen eine gemeinsame lebendige Auseinandersetzung mit herausfordernden Problemstellungen. Große Veränderungen in der Unterrichtskultur sind möglich, aber nur durch viele kleine Veränderungen über einen längeren Zeitraum. Aufgaben öffnen, Aufgaben variieren, Strategien herausarbeiten, Ergebnisse vernetzen sind erste Schritte. Zusammen mit den Inhalten müssen gleichzeitig die zugehörigen Lernprozesse thematisiert werden.

Dieser Prozess der ständigen Verbesserung des Unterrichts kann nur durch die Lehrer selbst gestaltet werden. Dazu benötigen sie Beratung und Unterstützung, aber keine Bevormundung von außerhalb der Schule (Universitäten, Verbände, Politik, Elternschaft).

Lernen ist kein passiver Vorgang. Erfolgreiches Lernen verläuft aktiv, konstruktiv, kumulativ und zielorientiert. “Don’t preach facts, stimulate acts”, forderte Paul Halmos schon vor Jahren. Dies sollten wir endlich in die Tat umsetzen und uns auf das Abenteuer Mathematik einlasssen.