In memoriam Jochen W. Schmidt

Völlig unerwartet verstarb am 14. Mai 2000 im Alter von 68 Jahren Prof. Dr. rer. nat. habil. Jochen W. Schmidt, Professor für Numerik nichtlinearer Gleichungen und Approximationsprobleme am Institut für Numerische Mathematik der Fachrichtung Mathematik in der  Fakultät Mathematik und Naturwissenschaften. Die TU Dresden  verliert mit ihm einen herausragenden, international anerkannten und bis in die letzten Tage aktiven Wissenschaftler, der die Entwicklung der Mathematik in Dresden über Jahrzehnte maßgeblich mitbestimmt hat.

Jochen W. Schmidt wurde am 04.08.1931 in Neukloster (Mecklenburg) geboren. Nach dem Abitur, das er 1951 in Güstrow ablegte, begann er ein Lehrerstudium an der Universität Rostock, wechselte jedoch 1952 an die Universität Greifswald und legte dort 1955 das Staatsexamen als Mathematiklehrer ab. Nach kurzer Tätigkeit als Dozent an einer Fachschule bewirbt er sich an der TH Dresden und tritt dort 1956 eine Assistentenstelle am Institut für  Angewandte Mathematik an. Er promoviert 1959 auf dem  Gebiet der Funktionalanalysis in der Numerischen Mathematik, wird Oberassistent.

Ab 1960 hält Jochen W. Schmidt Vorlesungen für Mathematiker, Naturwissenschaftler und Ingenieure, wobei er immer wieder durch Aufgreifen neuer  Forschungsgebiete, aber auch durch eine bestechende didaktische Qualität und wissenschaftliche Prägnanz auffällt. 1964 habilitiert er sich.

1967 wird er Professor mit Lehrauftrag für Angewandte Mathematik, nach der Gründung der Sektion Mathematik  schließlich o. Professor für Numerische Mathematik. Durch seine umfangreiche Forschungs- und Publikationstätigkeit gewinnt Jochen W. Schmidt bald internationale Anerkennung, die Fachzeitschriften ZAMM (1974), Computing (1976) und Numerische Mathematik (1984) berufen ihn trotz  Widerstands offizieller Stellen in ihre Herausgebergremien. 1977 wird er Leiter des Wissenschaftsbereiches Numerische Mathematik. Die zunehmende Ideologisierung an der Universität verträgt sich jedoch nicht mit seinem geradlinigen, kompromisslosen Charakter, so dass er dieses Amt 1984 wieder aufgibt bzw. aufgeben muss. Er wird von der Stasi bespitzelt und muss sogar um sein Professorenamt fürchten.

Das Jahr 1989 bringt eine neue Etappeim Leben von Jochen W. Schmidt. Er arbeitet engagiert und kritisch im Erneuerungsprozess mit, übernimmt Verantwortung in Räten und Kommissionen und trägt maßgeblich zur Neugestaltung der Mathematik in Dresden bei. Gleichzeitig verstärkt er seine ohnehin schon beeindruckenden Forschungsaktivitäten und nutzt die sich ihm eröffnenden Reisemöglichkeiten zu Tagungsbesuchen von den USA bis zur Mongolei. Die zu seinem 65. Geburtstag 1996 für die Festbroschüre zusammengestellte Bibliographie weist ca. 150 Publikationen auf.

Eine besondere Wertschätzung drückten die 1991 erfolgte Wahl und 1995 vorgenommene Wiederwahl zum Fachgutachter der DFG aus, die natürlich für ihn mit einem erheblichen Arbeitsaufwand verbunden war. Am Morgen des Tages, an dem er starb, hat er sein letztes Gutachten für die DFG geschrieben.

Nachdem Jochen W. Schmidt  1996 in den formalen Ruhestand gehen mußte (er bezeichnete seinen Zustand  korrekt als verrentet), hat er bis zu seinem Tod außerordentlich produktiv in einem DFG-Projekt mitgearbeitet und sich auch weiterhin für die Entwicklung des wissenschaftlichen Nachwuchses eingesetzt - eine Aufgabe, die ihm schon immer wichtiger war als das Streben nach akademischen Ämtern. Allein in diesen letzten dreieinhalb  Jahren  sind nochmals 17 Arbeiten  erschienen, und 4 befinden sich in der Begutachtunsphase. Es war für ihn ein selbstverständliches Bedürfnis, in der Lehre aktiv zu bleiben und am wissenschaftlichen Leben teilzunehmen. Der Tod riss ihn aus unserer Mitte, als er einen Vortrag für eine Konferenz in den USA fertiggestellt hatte, zu der er am 16. Mai hatte fliegen wollen. Insgesamt hat Jochen W. Schmidt 49 Diplomanden und 18 Doktoranden betreut und zahllose Gutachten für Zeitschriften, Graduierungsarbeiten und Berufungskommissionen geschrieben.

Wir sind bestürzt, dass er nicht mehr unter uns ist, dass sein Rat, seine Erfahrung und sein Wissen uns nicht mehr zur Verfügung stehen. Es bleiben Dankbarkeit, Trauer um einen verehrten Kollegen und guten Freund und die Verpflichtung, in seinem Sinne weiterzuarbeiten.

Prof. Dr. Hubert Schwetlick
Institut für Numerische Mathematik

(Veröffentlicht im Universitätsjournal der Technischen Universität Dresden, Ausgabe 10/2000)